Bremerhaven braucht sie

Wie die EU-Beratungsstelle der AWO im Alltag Europa sichtbar macht

Bremerhaven. Ein Hafen, ein Arbeitsort, ein Ankunftsort – und für viele Menschen aus Europa der Beginn eines völlig neuen Lebens. In Lehe unterstützt die EU-Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (AWO) jedes Jahr rund 500 Neuzugewanderte aus EU-Staaten wie Bulgarien, Rumänien oder Polen. Was nach Verwaltung klingt, ist in Wahrheit oft der entscheidende Unterschied zwischen Unsicherheit und einem gelingenden Neuanfang.

„Ich habe Angst“, sagt Teodora Georgieva. Ihr Exmann lebt in Bulgarien. Zurückkehren konnte sie lange nicht. Zu groß war die Sorge um sich und ihre Tochter.

Vor fünf Jahren kam sie nach Bremerhaven. Ihre Tochter war damals erst eineinhalb Jahre alt. „Ich bin allein mit meinem Kind hierhergekommen“, erzählt sie. Die ersten Jahre seien schwer gewesen: neue Sprache, Behörden, Unsicherheit – und dazu der Druck aus der Vergangenheit.

Besonders belastend war für sie der Kontakt mit Ämtern und Behörden. „Ich hatte viel Stress“, sagt sie rückblickend. Eine Freundin erzählte ihr schließlich von der EU-Beratungsstelle der AWO in Lehe. „Sie sagte: Da arbeitet eine Frau, die hilft bei Papieren und Dokumenten.“

Diese Hilfe wurde für Teodora zum Wendepunkt. Gemeinsam mit Angelika Samoilenko klärte sie wichtige Fragen: Unterhaltsvorschuss, Kindergeld, Termine bei Behörden, Perspektiven für ein sicheres Leben in Deutschland. Schritt für Schritt entstand wieder Stabilität.

Heute lebt Teodora gerne in Bremerhaven. Ihre Tochter ist inzwischen fünf Jahre alt, sie selbst hat eine feste Arbeitsstelle. „Jetzt geht es besser“, sagt sie und lächelt freudestrahlend. Und es gibt etwas, das für viele Menschen selbstverständlich klingt, für sie aber lange unmöglich schien: die Aussicht, ohne Angst nach Bulgarien reisen zu können, um Familie zu besuchen. „Dann kann ich ohne Stress fahren“, sagt sie.

500 Menschen im Jahr – und jede Geschichte zählt

„Wir betreuen im Jahr rund 500 Ratsuchende“, erklärt Angelika Samoilenko. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Dorota Bondyra und Luminita Moroi unterstützt sie Menschen beim Ankommen: Krankenversicherung, Anmeldung, Arbeitssuche, Kinderbetreuung – all das sind Hürden, die ohne Hilfe schnell unüberwindbar werden können.

Dank ihrer eigenen Migrationsgeschichten und Sprachkenntnisse gelingt es dem Team oft schnell, Vertrauen aufzubauen. „Wir kennen die Systeme – und wir kennen die Unsicherheit, die am Anfang steht“, sagt Bondyra.

In einer Stadt wie Bremerhaven sind die Zugewanderten unverzichtbar. Sie arbeiten im Bau, in der Reinigung, in der Logistik, im Hafen oder in der Lebensmittelproduktion. Gleichzeitig geraten viele von ihnen in schwierige Lebenslagen, wenn Arbeitsverhältnisse wegbrechen oder Erwartungen nicht erfüllt werden.

Hilfe in Krisen – wenn aus Ankommen ein Notfall wird

Besonders deutlich wird die Bedeutung der Beratungsstelle in akuten Krisen. Krankheit, Gewalt, Wohnungslosigkeit oder Sucht: Dann braucht es schnelle und unbürokratische Hilfe.

„In solchen Situationen gibt es oft keinen Plan B“, sagt Moroi. Die Mitarbeitenden vermitteln dann zwischen Behörden, unterstützen bei der Suche nach Unterkünften oder begleiten zu medizinischer Versorgung. Gerade für EU-Bürgerinnen und -Bürger, die noch nicht im deutschen Hilfesystem angekommen sind, kann diese Unterstützung entscheidend sein.

Die Realität vor Ort ist dabei oft härter geworden. Arbeitslosigkeit in bestimmten Branchen, etwa im Bau, trifft viele Neuzugewanderte besonders stark. Hinzu kommen Engpässe im Gesundheitssystem oder fehlende Schutzplätze in Notlagen.

Europa vor Ort – und seine Finanzierung

Die Arbeit der Beratungsstelle wird durch den Europäischen Sozialfond (ESF) im Rahmen des Programms „EhAP Plus“ finanziert – gemeinsam mit Bundesmitteln und einem kleinen kommunalen Anteil. Der ESF deckt dabei den größten Teil der Finanzierung. Damit wird ein zentrales europäisches Versprechen konkret: soziale Teilhabe und Unterstützung dort, wo Menschen leben und ankommen. Europa wird nicht abstrakt erfahrbar, sondern im Alltag – im Gespräch am Schreibtisch, im Begleiten zur Behörde, im Dolmetschen in einer Krisensituation.

Doch diese Grundlage ist nicht sicher. Aktuell verhandelt die EU über den Haushalt 2028–2034. Dabei stehen auch Kürzungen beim ESF im Raum. Für Einrichtungen wie die Bremerhavener Beratungsstelle wäre das eine unmittelbare Gefahr.

Was passiert, wenn Unterstützung wegfällt?

„Ohne diese Hilfe würden viele Menschen im System verloren gehen“, sagt Dr. Margaret Brugman, Fachbereichsleiterin für Arbeit, Migration und Beschäftigung. Die Folgen wären nicht nur individuell spürbar – sie betreffen die gesamte Stadtgesellschaft. Denn was hier geleistet wird, ist mehr als Beratung. Es ist Stabilisierung: für Familien, für Arbeitsmärkte, für soziale Strukturen. Es ist die stille Arbeit, die verhindert, dass aus einem schwierigen Start ein dauerhafter Abstieg wird.

Ein Alltag, der Europa konkret macht

Während Teodora Georgieva von ihrer Arbeit und ihrer Tochter erzählt, klingelt es an der Tür. Eine neue Bitte um Hilfe, diesmal auf Rumänisch. Luminita Moroi wechselt sofort die Sprache und geht ins Gespräch.

Der Alltag in der Beratungsstelle zeigt, was der ESF im Kern bedeutet: konkrete Unterstützung, direkte Wirkung, echte Lebensveränderung.

Oder anders gesagt: Europa wirkt – ganz konkret hier, in Bremerhaven.

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